Social Media und ethisches Marketing – wie passt das zusammen? Teil 5: Verantwortung

In dieser Folge machen wir weiter in der Reihe: „Social Media und ethisches Marketing – wie passt das zusammen?“

Und heute geht es um die Frage, wer eigentlich für das Wohlergehen der Menschen auf Social Media verantwortlich ist – jede*r für sich oder doch die Plattformen?

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Wenn du selbstständig bist und Social Media nutzt, hast du vielleicht schon mal an deinem eigenen Leib erfahren, dass dir soziale Medien aus verschiedensten Gründen nicht gut tun.

Das muss natürlich nicht bei allen unbedingt so sein. 

Aber es kann, und das legen Studien immer wieder nahe, eben durchaus dazu kommen, dass soziale Medien eine Belastung für die mentale Gesundheit darstellen. 

Oder sogar zu einem Ort werden, an dem es zu Beleidigungen, Beschimpfungen, Drohungen und anderen Formen digitaler Gewalt kommt.

Das weißt du alles bestimmt schon. Da erzähle ich dir nichts Neues.

Denn zum einen lesen wir ja immer wieder von Fällen von meistens in der Öffentlichkeit stehenden Frauen wie Politikerinnen oder Aktivistinnen, dass sie massiv auf Social Media angefeindet werden. 

Aber sogar wenn man jetzt nicht so krass in der Öffentlichkeit steht, führen soziale Medien einfach durch ihre Funktionsweise oft dazu, dass man darunter leidet und vielleicht sogar erkrankt.

Und dann stellen sich doch zwei Fragen: 

Zum einen, was man dagegen tun kann, und zum anderen, wer dafür eigentlich verantwortlich ist.

Und ich finde, dass gerade die Frage nach der Verantwortung viel zu selten gestellt wird, gerade in der Business- und Marketing-Bubble.

Und deshalb will ich das in dieser Folge tun.

Denn ich glaube, wenn man sich erst einmal bewusst macht, wer eigentlich die Verantwortung wofür trägt, ändert sich auch die Antwort auf die Frage, was wir eigentlich dagegen tun können.

Okay. 

Noch mal die Basics.

Stell dir vor, jemand eröffnet ein Restaurant, streut Glassplitter ins Essen, kassiert die Gewinne und wenn sich die Gäste die Zähne ausbeißen oder sogar innerlich verbluten, sagt er: „Nicht mein Problem, ihr seid selsbst dafür verantwortlich, was ihr in den Mund nehmt.“ Und dann kommt auch schon ein anderer Typ um die Ecke und sagt: „Hier ist übrigens mein Onlineprogramm „Mindful Eating mit Glassplittern“. Für nur 10.000 Euro.“

Oder stell dir vor, ein Schwimmbad-Betreiber schüttet Krokodile ins Becken, verkauft teure Eintrittskarten und sagt dann: „Wir sind nur eine neutrale Plattform für Wassersport.“ Und hinter der Ecke lauert schon eine Coachin, die dir ihr „Mindful Schwimmen mit Krokodilen“-Workshop für nur 5.000 Euro andrehen will.

Ja, die beiden Beispiele mögen jetzt ein klein bisschen überspitzt sein, aber im Grunde ist es genau das, was auch mit Social Media passiert:

Jemand entwickelt eine bestimmte Plattform, privatisiert die Gewinne, doch lässt die Gesellschaft mit den Gefahren und Risiken alleine

Anstatt also soziale Netzwerke zu erschaffen, die entweder grundsätzlich gemeinnützig sind oder eben privatisierte Plattformen, wo sowohl die Gewinne als auch die Gefahren getragen werden, haben die Social-Media-Plattformbetreiber ein System für sich erschaffen, wo sie nur Profit machen.

Das ist auch überhaupt nichts Neues im Kapitalismus.

Das sehen wir an sämtlichen fossilen Geschäftsmodellen, an der Tabakindustrie oder auch im Fußball, wo die FIFA die Gewinne einsackt, aber die Länder dann die Polizei bereitstellen und für die Sicherheit bei Fußballveranstaltungen sorgen müssen.

Die Gewinne behalten sie. Die Kosten – und im Fall von Social Media ist das zum Beispiele psychische Gesundheit der Nutzer*innen oder die Demokratie – das trägt dann die Gesellschaft.

Und nicht nur das, Social-Media-Betreiber nehmen ganz bewusst in Kauf, Menschen zu schaden, wenn das bedeutet, dass sie dadurch noch mehr Profit machen können.

Ich werde die ganzen Strategien nicht noch einmal wiederholen. Ich glaube, in den letzten Folgen zum Thema „Social Media und ethisches Marketing“ habe ich ja ausführlich darüber gesprochen, welche unethischen Tricks die Plattformen nutzen, um unsere Aufmerksamkeit zu gewinnen und sie in Profit umzuwandeln.

Was jetzt aber noch wichtig ist, ist, dass ihr Geschäftsmodell von unzähligen Coaches unterstützt wird, die uns erzählen, wie wir Social Media so nutzen können, dass wir dabei gesund bleiben. 

Da geht es dann um Achtsamkeit und um Digital Detox und all die Apps und Tools und Retreats, damit wir irgendwie in diesen perfiden Strukturen bei Kräften bleiben.

Also:

„Mindful Eating mit Glassplittern“

Oder:

„Mindful Schwimmen mit Krokodilen“

Und deshalb finde ich diese ganze achtsame Social-Media-Nutzung auch so problematisch, weil dadurch von strukturellen Problemen von Social-Media-Plattformen abgelenkt wird und das problematische Geschäftsmodell dahinter aufrechterhalten wird.

Dazu kommt ja auch, dass Selbstregulierung in einem System, das darauf ausgelegt ist, uns zu manipulieren, extrem schwer ist.

Nur ein Beispiel:

Wir alle kennen vermutlich das Gefühl, nicht von Social Media loszukommen. Also nur mal kurz irgendwas auf Insta nachschauen zu wollen. Aber schwupps, ist irgendwie ne Stunde rum.

Jetzt könnten wir natürlich sagen, dass wir uns eben mehr disziplinieren müssen, dass wir irgendeine schlaue App brauchen, die irgendwas in unserem Feed blockiert, oder was auch immer.

Aber es ist eben nicht so leicht, sich zu disziplinieren in einer Umgebung, wo Menschen dafür bezahlt werden, uns möglichst lange auf der Plattform zu halten. Und wo unsere Psyche gnadenlos im App-Design ausgenutzt wird und mit Signalfarben und -tönen und FOMO-Nachrichten und so weiter alles darauf ausgelegt ist, dass wir eben nicht nach fünf Minuten die App schließen.

Es ist extrem schwer, gegen so viel Manipulation zu arbeiten, diesen Design-Patterns nicht auf den Leim zu gehen. Und ich würde eben auch sagen, dass der Ball nicht bei den Menschen liegt, nicht auf die Manipulation reinzufallen, sondern eben bei denjenigen, die meinen, Plattformen erschaffen zu müssen, die Menschen manipulieren.

Selbst die Politk ist machtlos mit den Versuchen, Social Media zu regulieren.

Jüngstes Beispiel ist der Chatbot Grok auf der Plattform X

Du hast es sicher auch mitbekommen, Elon Musks KI-Tool konnte sexualisierte Bilder erstellen – auch von Kindern. 

Nach den ersten Aufschreien hieß es von Elon Musk nur, dass die Nutzer*innen eben selbst verantwortlich seien für das, was sie in die KI eingeben.

Also wieder einmal klassische Verantwortungsverschiebung – das Unternehmen kassiert, die Gesellschaft zahlt die Rechnung.

Jetzt leitet die EU ein Verfahren gegen Musks Unternehmen X ein. 

Klingt vielleicht erst mal gut, aber seien wir ehrlich: 

Wie effektiv ist das Ganze wirklich? X kassiert seit Jahren bereits Strafen, die nichts als Peanuts für einen Konzern dieser Größe sind. 

Und während die Behörden jetzt monatelang „ermitteln“ und „prüfen“ werden, läuft das System erst einmal weiter. 

Das zeigt das grundsätzliche Problem: 

Politik hinkt der Tech-Entwicklung hinterher. 

Bis ein Gesetz da ist, sind die Schäden längst entstanden. Und selbst wenn Strafen kommen – sie sind meistens so niedrig, dass sie als „Kostenfaktor“ längst von den Social-Media-Plattformen eingeplant werden.

Und während das Verfahren läuft, sind immer noch Politiker*innen und Institutionen auf X vertreten und twittern da, was das Zeug hält, und unterstützen Elon Musks Plattform nach wie vor.

Social-Media-Plattformen fühlen sich also nicht verantwortlich für die Gefahren, Politik schafft es nicht, Social-Media-Plattformen zu regulieren, also sollen wir da jetzt ran.

Alle, die Social Media nutzen, sollen selbst dafür verantwortlich sein, dass es ihnen gut geht.

Und angesichts dieser Situation glaube ich, dass es nur eine Lösung dafür gibt, und das wird dich vermutlich nicht überraschen, für mich besteht diese Lösung darin, diese Systeme zu verlassen und da einfach nicht mehr mitzuspielen bei diesem Spiel, das Individuen nur verlieren können, weil es eben unfassbar schwer ist, sich gegen die manipulierenden Strukturen durchzusetzen.

Egal, was ich als Individuum versuche – Achtsamkeit, Digital Detox, einen Feed Blocker oder was auch immer – das wird die problematischen Strukturen sozialer Medien niemals verändern. 

Aber was ich tatsächlich machen kann, ist, diesen Plattformen ihre Geschäftsgrundlage zu entziehen und ihnen nicht mehr meine Daten und meine Aufmerksamkeit zu schenken.

Ich persönlich habe jetzt aktuell nicht den Wunsch nach Social-Media-Alternativen, aber falls du ihn hast, kannst du auch andere soziale Netzwerken wie Mastodon dir mal angucken.

Sie sind eben nicht gewinnorientiert und damit gibt es dort auch nicht all die problematischen Dinge, die wir von Instagram oder X kennen.

Und natürlich kannst du auch Marketingtools nutzen, die überhaupt nichts mit Social Media zu tun haben, wie einen Podcast oder einen Newsletter.

Es gibt Alternativen zum Facebook Messenger oder WhatsApp wie Signal zum Beispiel. 

Es gibt einfach so viele Möglichkeiten, Menschen zu erreichen, ohne die problematischen Geschäftsmodelle von Milliardären Tag für Tag zu unterstützen.

Und ich glaube, dass das unsere wahre Verantwortung, unsere wahre Macht als Individuum ist, dass wir diese Verantwortungsverschiebung durchschauen und uns weigern, die Kosten für die Profite anderer zu tragen. 

Wenn genug Menschen aussteigen, verlieren diese Plattformen ihre gesellschaftliche Relevanz. 

Und dann können wir auch endlich damit aufhören, uns Strategien für das „Mindful Schwimmen mit Krokodilen“ anzueignen.

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